
Der 89- jährige Bo ist im letzten Kapitel seines Lebens angekommen. Zusammen mit seinem Hund Sixten lebt er in seinem Haus, der Pflegedienst kommt mehrmals täglich vorbei, macht Essen warm, misst Blutdruck und hilft beim Duschen. Bo’s Frau lebt in einem Heim für Demenzkranke und erkennt ihn nicht mehr, sein Sohn Hans füllt regelmäßig die Tiefkühltruhe auf, ihr Verhältnis zueinander ist jedoch eher distanziert. Bo ist zwar viel allein, aber einsam ist er, auch dank seines Hundes, nicht. Denn die Erinnerungen an sein langes Leben begleiten seinen Alltag. Dann will ihm sein Sohn den Hund wegnehmen und überhaupt traut er Bo gar nichts mehr zu, die Situation eskaliert. Wie wird der Rest seines Lebens aussehen?
Das Buch kommt trotz seiner Thematik ganz leicht daher. Ich habe beim Lesen ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Es machte mir Freude, den Erinnerungen Bo’s zu folgen, auch den Erinnerungen an Ungesagtes, Ungefühltes und Ungetanes. In der Gegenwart fühlt Bo sich entmündigt und ohnmächtig gegenüber dem Verlust seiner Selbstbestimmung. Und er kommt ja auch tatsächlich nicht mehr ohne Unterstützung zurecht. Das ist bitter und fühlte sich überhaupt nicht gut an. Dass die ganze Geschichte aus Sicht des 89-Jährigen geschildert wird, macht das Buch zu einem Buch für Jung und Alt.
Gebunden, 24,-- EUR *)

Ich muss mich outen: dies war für mich das erste vollständige (Hör-) Buch von Marc-Uwe Kling! Aber immerhin wußte ich schon, dass Marc-Uwe und das Känguru in einer WG zusammenleben und daß das Beuteltier einen Hang zur Anarchie hat, vorlaut und kommunistisch ist. Und wenig Rücksicht auf die Gefühle anderer nimmt. Entlang des roten Fadens der Rebellion “gegen die Zustände” holen Kling und das Känguru zu einem gut recherchierten Rundumschlag gegen Kapitalismus, Imperialismus und Medienkonzerne aus. Auch Personen bzw. Parteien (Markus Söder, Friedrich Merz, Tech-Module, die AFD) und Institutionen (Banken, Versicherungen) bekommen ihr Fett weg. Über dieses politische Kabarett konnte ich herzlich lachen und dümmer bin ich nun auch nicht. Die anderen Bücher muß ich nun auch noch hören (bei Marc-Uwe Kling bevorzuge nicht nur ich die Live-Lesungen).
Kartoniert, 14,99 EUR *)

Pinas Leben dreht sich fast ausschließlich um ihren autistischen 20-jährigen Sohn Leo. Sie ist alleinerziehend und am Ende ihrer seelischen und körperlichen Belastungsgrenze. Dann hat sie einen Unfall, landet auf der Intensivstation und fällt aus. Die anderen Bewohner des Mietshauses, die zornige Schulabbrecherin Zola, die verwitwete und auf den Tod wartende Inge und der in eine Telefonverkäuferin verliebte und einsame Wojtek stehen plötzlich vor der Herausforderung sich um Leo zu kümmern. Zunächst sind sie nicht gewillt diese Aufgabe zu übernehmen und heillos überfordert, wollen aber auch nicht, daß Leo in ein Heim kommt. Nach und nach merken Inge, Zola und Wojtek, dass Leo genau richtig ist, so wie er ist. Und auch ihr eigenes Leben bekommt eine neue Richtung.
Anfangs fremdelte ich mit den für mich “anstrengenden” Hausbewohnern, aber spätestens als sich zeigte, wie beglückend und befriedigend das Sich-Kümmern auf sie auswirkte, hatte mich die Autorin gepackt. Der Roman ist sensibel, aber unsentimental, zeigt schonungslos den kräfteraubenden Alltag einer Alleinerziehenden mit einem Kind jenseits der Norm und hat doch durch viele unfreiwillig komische Situationen eine herzerwärmende Leichtigkeit.
Gebunden, 22,99 EUR *)

Das Traumpaar Viola und Adam sind in ihr Traumhaus gezogen, da stürzt der baufällige Weinkeller über Viola ein, sie verliert ein Bein und kann sich nicht an den Unfall erinnern. Während der Genesungszeit ist Viola ans Haus gefesselt und ihr Mann engagiert eine Pflegerin, mit der Viola jedoch nicht klar kommt. Viola liebt ihren Mann, weiß aber auch, dass er mit ihrem “Makel” nicht zurechtkommen wird. Und tatsächlich benimmt Adam sich seltsam und lügt sie an. Will er sie loswerden? Ihr Misstrauen wächst, sie sucht nach Klarheit und stattet Adam und weitere Menschen ihres Umfeldes unbemerkt mit GPS-Trackern aus, um ihnen hinterherzuspionieren …
Dieser ruhige Domestic Noir-Thriller ist eine gelungene Kombination aus psychologischer Spannung, technischen Elementen und Kammerspiel-Momenten. Es gibt reichlich Wendungen und tolle Einfälle und auch wenn manche Dinge vorhersehbar sind, bin ich sehr gut unterhalten worden.
Gebunden, 24,-- EUR *)

Die legendäre Kneipe “Haus Himmelreich”, eine der letzten ihrer Art im Ruhrgebiet, wird in einigen Tagen ihre Pforten schließen, denn dann setzt sich Rita Urbaniak, Inhaberin und Legende hinterm Tresen, nach Jahrzehnten des Bierzapfens zur Ruhe. Unser Erzähler, ein Journalist, wird schnell noch vor Ort geschickt, um über diese Kneipe und ihre “Bewohner” für einen Artikel zu recherchieren. Er verbringt Stunden mit den vielen skurrilen Stammgästen, wie dem Käpt’n, dem Langen und der Wacholder-Anni und erfährt nicht nur ihre Trinkgewohnheiten, sondern gleich ihr ganzes Leben mit Höhen und Tiefen und auch so einiges über “Lovely Rita”.
Frank Goosen erzählt wie gewohnt mit viel Humor und Tiefgang. Denn “Lovely Rita” ist nicht nur ein Roman über das Kneipensterben und die Ruhrpott-Kneipe als Biotop, sondern auch ein Roman über drei unkonventionelle Frauen und ihre Lebensgeschichten, eingebettet in die bundesrepublikanische Geschichte.
Genunden, 23,-- EUR *)

Irgendwo in Deutschland Ende der 90er Jahre: Leonie, genannt Leo, hat ihr Abitur frisch in der Tasche und ist bereit für das Leben und die Freiheit. Blöd, dass sich ihr so viele Hindernisse (das Leben eben) in den Weg stellen: Streit mit der Mutter, Strafanzeige gegen den Vater und Ferientage mit dem kleinen Bruder, statt ein Sommer mit Olli, der sie erst geküsst und es dann doch nicht Ernst gemeint hat. Der Ferienjob im Café ist auch nicht gerade cool und die berufliche Zukunft ist ein großes Fragezeichen. Zum Glück gibt es die Videothek “Little Hollywood” - Leonie liebt es, sich in Filme zu flüchten. Doch dann kristallisiert sich auf privater und beruflicher Ebene eine Perspektive heraus und Leonie erkennt, dass das Leben schon längst angefangen hat und von ihr gestaltet werden will.
"Little Hollywood” ist ein klassischer Coming-of-Age-Roman, in dem wir zusammen mit Leonie DIE Wochen des letzten Sommers vor dem endgültigen Erwachsenwerden erleben. Zwischen familiären Konflikten, Orientierungslosigkeit und dem Drang nach Selbstverwirklichung lernt Leo in diesem Sommer loszulassen und mutig ihren Weg zu gehen. Inga Hanka ist in einer bildlichen und berührenden Sprache eine Liebeserklärung an das Erwachsenwerden und an Filme gelungen. Ich habe dieses Debüt unheimlich gerne gelesen, vermisse Leo ein bisschen und freue mich auf das nächste Buch der Autorin.
Gebunden, 24,-- EUR *)

Die junge Mira ist mit ihrem Ehemann und der kleinen Tochter vor einigen Jahren aus der Ukraine in eine deutsche Stadt gezogen, um dort als Hausärztin zu praktizieren. Nach Kriegsbeginn gerät Miras Leben zunehmend aus den Fugen: Die Hausarztpraxis wird von geflüchteten ukrainischer Patienten überrannt, die nicht nur Heilung, sondern auch Trost suchen, Mira kann nicht mehr dichten, sorgt sie sich auch um Familie und Freunde und wird von Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen geplagt. Wie kann sie ihr Leben genießen, wenn in ihrer alten Heimat die Bomben fallen? Ob eine Reise nach Odessa hilft, um Frieden zu finden und den Zustand zu akzeptieren, wie er nun einmal ist?
Iryna Fingerova, die wie ihre Protagonistin Ärztin ist, erzählt aufrichtig und gefühlvoll vom Leben einer jungen ukrainischen Hausärztin in Deutschland, während in ihrem Heimatland Krieg herrscht. Der Ton ist mal poetisch, mal nüchtern, mal energiegeladen und oftmals mit einem witzigen und selbstironischen Unterton. Das erleichtert das Lesen bei diesem Thema natürlich ungemein!
Gebunden, 24,-- EUR *)






