Hauptdarsteller dieses Romans ist der knapp 50jährige Ingwer Feddersen, der in sein nordfriesisches Dorf Brinkebüll zurückkehrt, um sich um seine altgewordenen Großeltern Ella und Sönke zu kümmern, die alleine nicht mehr gut zurechtkommen. Dafür hat er sich ein Sabbatjahr genommen, eigentlich hat er eine Stelle als Archäologe an der Universität Kiel. Sein Leben steckt in einer Sackgasse, er hat immer noch keine Familie gegründet, lebt immer noch in seiner Studenten-WG und liebt immer noch Neil Young. Und von seiner Heimat ist er nie ganz weggekommen. Ingwer kommt in ein Dorf zurück, dass er kaum wiedererkennt. Es gibt keine Schule mehr, kein Bäcker und kein Kaufmann. Keine Störche auf dem Dach der Kirche, auf den Feldern keine Kühe, keine kleinen Bauernhöfe, keine Mittagsstunde, nur noch Mais und Wind, Wind, Wind. Aber es sind nicht nur Dinge verschwunden, es gibt jetzt einen Dorfkulturverein und eine Line-Dance-Truppe. Und es gibt auch Dinge, die offenbar immer bleiben. Das sind die Kapuzenkinder, die morgens an der Bushaltestelle auf den Schulbus in die Stadt warten und es ist der Gasthof, der Ingwers Großeltern gehört und hinter dem Tresen steht immer noch der über 90jährige Sönke, Ingwers Großvater. Manchmal mit Rollator, wenn er gerade nicht so gut kann. Viele Feste gibt es nicht mehr, das ein oder andere Bier muss Sönke aber noch zapfen.
Der Roman spielt abwechselnd in dieser Gegenwart und in der Vergangenheit. Ende der 1960ger Jahre, als Ingwer auf die Welt kommt, sind die Großeltern noch jung, der Gasthof ist das Zentrum des Dorfes, das Dorf ist lebendig und Ingwers Mutter Marret läuft als „Dorfverrückte“ durch die Straßen und verkündet den Weltuntergang. Die Schule, der Bäcker, der Kaufmann, familienbetriebene Bauernhöfe, alles noch da. Aber es war früher nicht alles besser. Da werden Kinder geschlagen, lieblose Ehen geführt, Kuckuckskinder untergeschoben und so manch einer träumt von einem anderen Leben.
Dörte Hansen beschreibt faszinierend, wie es nur anderthalb Generationen brauchte, um das Leben auf den Dörfern für immer zu ändern. Sie beschreibt wie die Flurbereinigung und das Verlangen des Marktes nach immer größeren landwirtschaftlichen Betrieben die Struktur der Dörfer veränderte. Sie erzählt vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust und Abschied. Und sie tut es mit noch mehr Wärme und psychologischem Gespür und Liebe für ihre Romanfiguren, als bei „Altes Land“. „Mittagsstunde“ kommt nicht so leicht daher, ist deutlich ernsthafter. Die Geschichte ist wehmütig und so war ich froh, dass es nicht nur um Abschiede geht, sondern zum Schluss auch um einen Neuanfang.
Großartig, ich bin begeistert!

 

Gebunden, 22,-- EUR *)

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